Nach über 200 Stunden Spielzeit: Warum Pax so nicht überleben wird
Ich habe mehr als 200 Stunden in Pax Dei verbracht. Nicht nur so nebenbei. Nicht wie jemand, der sich einloggt, eine Hütte baut und sich wieder ausloggt. Ich bin an das Spiel so herangegangen, wie es ein Sandbox-MMO erfordert: Ich habe Ressourcen gesammelt, Dinge hergestellt, Handelsströme analysiert, das Verhalten der Spieler beobachtet, Systeme getestet und versucht zu verstehen, wie sich der langfristige Gameloop funktioniert.
Und nach all dieser Zeit bin ich zu einem schwierigen Schluss gekommen: Pax Dei ist ein weiteres Sandbox-MMO mit einer spielergesteuerten Wirtschaft, die in der Praxis nicht funktioniert. Und ohne eine funktionierende Wirtschaft wird ein Sandbox-MMO langfristig nicht überleben.
Auf dem Papier klingt alles richtig. Keine NPC-Händler. Ein stark auf Handwerk ausgerichtetes Fortschrittssystem. Eine von Spielern geformte Welt. Alle Güter werden von Spielern hergestellt und zwischen Spielern gehandelt. Es ist der Traum einer „echten“ Sandbox, einer lebendigen mittelalterlichen Welt, die vollständig von ihren Bewohnern bestimmt wird.
Aber hier liegt das Kernproblem: Es gibt keine echte Nachfrage.
Ja, die Leute kommen zusammen. Ja, die Leute basteln. Aber kaum jemand kauft etwas. Ich wurde von meinen Mitspielern eher schief angeschaut, wenn ich sagte, dass ich meine Waffen bei anderen Spielern kaufe, statt sie selber zu craften.
In „Pax Dei“ sind die Käufer ausschließlich Spieler. Das bedeutet, dass das gesamte wirtschaftliche Ökosystem von den Bedürfnissen der Spieler abhängt. Das Problem ist, dass die meisten Spieler eigentlich nicht viel brauchen. Waffen und Rüstungen halten sehr lange. Der Verschleiß ist minimal. Die Teilnahme am PvP ist begrenzt. Und abseits des PvP gibt es kaum Systeme, die Ausrüstung nennenswert zerstören.

Wenn ein Spieler erst einmal über eine solide Ausrüstung verfügt, warum sollte er sie dann austauschen? Genau diese Frage ist der Riss im Fundament dieses Spiels. Das ist die klassische Sandbox-Falle: Selbstversorgung.
Wenn Spieler alles selbst sammeln, alles selbst herstellen und selten etwas verlieren können, wird der Handel zur Option. Und optionaler Handel reicht nicht aus, um eine von Spielern getragene Wirtschaft aufrechtzuerhalten.
Viele Sandbox-MMOs setzen auf PvP, um genau dieses Problem zu lösen. PvP schafft Risiko. Risiko schafft Verlust. Verlust schafft Ersatzbedarf. Ersatzbedarf braucht dann Crafter, die das Zeug wiederherstellen.
Aber in Pax Dei wirkt PvP eher nebensächlich als zentral. Es ist vorhanden, aber nicht dominant. Selbst wie die Entickler das anders sehen. Der durchschnittliche Spieler kann bedeutende Verluste bequem vermeiden und macht einen sehr weiten Bogen um PvP. Einen wirklich sehr, sehr weiten.
.Entwickler glauben oft, dass „die Spieler ihre eigene Wirtschaft schaffen werden“. Aber Spieler schaffen nur dann eine Wirtschaft, wenn die Systeme gegenseitige Abhängigkeit erzwingen. Und das klappt hier einfach nicht.

Eine funktionierende Sandbox-Wirtschaft erfordert in der Regel eine Kombination aus folgenden Elementen:
- Sinnvoller Verschleiß
- harte Reparaturbeschränkungen oder Obergrenzen für die Lebensdauer von Gegenständen
- Risikoreiche Zonen mit fast garantiertem Verlust
- Regionale Ressourcenknappheit
- Strenge Spezialisierung, die verhindert, dass man alles beherrscht (Zugegeben, genau das hat Pax Dei gemacht 🙂 )
Ohne diese Elemente driftet die Welt in Richtung Isolation statt Handel. Wenn die Wirtschaft stagniert, schwächt sich das soziale Gefüge ab. Handwerker verlieren an Relevanz. Spieler-Märkte werden zu reinen Dekorationen. Der langfristige Motivationskreislauf bricht zusammen und verkommt zu einem „noch ein bisschen bauen“, bis es keinen sinnvollen Grund mehr gibt, sich einzuloggen.
Versteht mich nicht falsch. Das ist kein Aufruf, das Spiel komplett aufzugeben. Es ist ein Aufruf, dass Sandbox MMO Entwickler endlich mal anfangen über den Tellerand zuz denken.. Wenn die Entwickler wirklich wollen, dass Pax Dei zu einer lebendigen Sandbox-Welt wird, müssen sie mutig genug sein, echten wirtschaftlichen Druck einzuführen. Setzt sinnvolle Risiken durch. Schränkt die Selbstversorgung ein. Erzwingt gegenseitige Abhängigkeit.
Das Spiel steht trotz jahrelangem Early Access gefühlt immer noch am Anfang. Aber es reicht einfach nicht um mich bei der Stange zu halten. Vielleicht schaue ich in ein paar Jahren nochmal rein. Denn so lange braucht Pax Dei mindestens noch.

